Ich denke gerne in Bildern und Metaphern. So kann ich Prozesse zu verstehen, für die ich noch keine eindeutigen Worte habe. Manchmal begegnet mir ein solches Bild ganz unverhofft – und bleibt als Bezugspunkt bestehen.
Im Juli besuchte ich das Schifffahrtsmuseum in Flensburg. Dort blieb ich bei einer Dokumentation über die Herstellung von Seilen in vorindustrieller Zeit hängen.
Was für eine Arbeit es war, ein einziges belastbares Seil herzustellen.
Einzelne Fasern wurden zunächst zu Fäden gedreht. Diese Fäden wurden über lange Strecken ausgelegt, miteinander verbunden und wiederum verdreht. Aus etwas Dünnem und beinahe Zerbrechlichem entstand durch das Zusammenwirken vieler Stränge etwas Tragfähiges.
Seitdem begleitet mich dieses Bild. Denn zunehmend erscheint mir auch meine künstlerische Arbeit wie ein solches Seil.
Die vielen Fäden einer künstlerischen Praxis
Über die Jahre habe ich unterschiedliche Fäden aufgenommen und weitergesponnen: Malerei und Zeichnung, Landschaft und Abstraktion, Farbe und Linie, Beobachtung und intuitive Geste.
Und immer wieder die Collage.
Manche dieser Stränge verfolge ich über lange Zeit. Andere verschwinden fast vollständig, um Jahre später wieder scheinbar aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Lange habe ich darin vor allem eine große Vielfalt gesehen. Heute interessiert mich zunehmend, wie diese unterschiedlichen Fäden miteinander verbunden sind.
Mich interessiert, welche Fäden immer wiederkehren – und wie sie sich allmählich miteinander verdrehen.
Plötzlich lässt mich der Gedanke an Leonardo da Vinci schmunzeln. Neben seinen Madonnen beschäftigte er sich ja auch mit anderen Dingen und nicht wenigen: mit Anatomie, Flugmaschinen, Wasserläufen und technischen Konstruktionen.
Gibt es nicht doch einen Faden, der mich mit ihm verbindet? Vielleicht ist es der Drang, in den verschiedenen Fäden des Lebens und meiner Kunst irgendwann das größere Gefüge zu erkennen.
Collage – ein Faden, der sehr weit zurückreicht
Die Collage begleitet mich seit meiner Jugend.
Das Schneiden, Trennen, Verschieben und Neu-Zusammensetzen hat mich schon früh fasziniert. Vielleicht auch deshalb, weil die Collage eine besondere Freiheit besitzt: Nichts muss von Anfang an an der richtigen Stelle sein.
Ein Element kann verschoben werden. Etwas kann verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen. Flächen können sich überlagern, Zwischenräume entstehen, Beziehungen verändern sich.
Lange war die Collage für mich deshalb auch eine Methode, um die kreativen Geister zu wecken.
Wenn im Malen zu viel Absicht entstand oder ich mich in einer bestimmten Vorstellung festgefahren hatte, brachte das Arbeiten mit gefundenen Formen, Papieren und Fragmenten wieder Bewegung ins Denken.
Inzwischen ist daraus sehr viel mehr geworden.
Collage als Instrument der Komposition
Heute denke ich in der Collage zunehmend strukturell, beinahe architektonisch.
Mich interessiert, was geschieht, wenn Flächen aufeinandertreffen. Wie sie sich gegenseitig begrenzen oder fortsetzen. Wie ein Zwischenraum Spannung erzeugen kann. Wie etwas, das zunächst getrennt erscheint, durch eine Linie oder eine Überlagerung plötzlich miteinander verbunden wird.
Es entstehen dynamische Raumgefüge.
Dabei interessiert mich weniger die Illusion eines perspektivisch konstruierten Raumes als die Frage, wie Raum auf der Bildfläche überhaupt empfunden werden kann. Was tritt nach vorne? Was zieht sich zurück? Wo verdichtet sich etwas? Wo kann das Auge hindurchwandern?
Diese Art zu denken hat längst auch meine Malerei verändert.
Selbst wenn in einem Bild kein einziges Stück Papier vorkommt, kann sein innerer Aufbau aus einem Denken in Collage entstanden sein.
Vielleicht ist genau das einer jener Momente, in denen sich die verschiedenen Fäden miteinander verdrehen.
Vom Blatt zum Raum
Umso mehr freue ich mich, dass einige meiner Arbeiten für die Ausstellung „Vom Blatt zum Raum – Papier im Dialog“ in der Städtischen Galerie Stapflehus in Weil am Rhein ausgewählt wurden.
Für mich ist diese Einladung mehr als eine Gelegenheit, Arbeiten auf Papier zu zeigen. Sie bestätigt etwas, das mir in den vergangenen Jahren selbst immer bewusster geworden ist:
Die Collage ist kein Nebenweg meiner künstlerischen Praxis. Sie gehört zu ihrem Fundament.
Gerade in einer Zeit, in der ich mich intensiv mit gestischer Malerei, Landschaft, Abstraktion und der unmittelbaren körperlichen Erfahrung des Malens beschäftige, ist es spannend zu erkennen, wie stark dieses strukturelle Denken weiterhin darunterliegt.
Freiheit und Konstruktion sind dabei für mich keine Gegensätze. Vielleicht brauchen sie einander.
Die Geste bringt etwas in Bewegung. Die Collage fragt, wie die Teile miteinander leben können.
Und irgendwo dazwischen entsteht das Bild.
Ausstellung
Vom Blatt zum Raum – Papier im Dialog
Städtische Galerie Stapflehus, Weil am Rhein
bis 25. Oktober 2026
Open Studio in Kandern
Nach einem intensiven Jahr der Malerei freue ich mich darauf, eine größere Auswahl der neuen Arbeiten aus 2026 erstmals gemeinsam zu zeigen.
Auch das wird für mich eine Gelegenheit sein, die verschiedenen Fäden nebeneinander zu sehen: neue Malerei, Arbeiten auf Papier und Entwicklungen, die sich teilweise erst in diesem Jahr herauskristallisiert haben.
Weitere Informationen zum Open Studio folgen in Kürze.
Open Studio – Insa Hoffmann
27. + 28. November 2026
Atelier & Galerie, Kandern